Wenn die eigene Mutter tagelang nicht aus dem Bett kommt, nicht ansprechbar ist und sich nicht um ihre Kinder kümmern kann, ist das sehr belastend und erschreckend. Vor allem, wenn man erst elf Jahre alt ist und nicht versteht, dass es nicht nur körperliche, sondern auch seelische Krankheiten gibt. "Die RiVer-Gruppe hilft mir dabei, einen entspannten Umgang mit der Krankheit meiner Mutter zu finden", so die 13-jährige Jugendliche, die seit zwei Jahren Halt und auch Trost bei RiVer findet. "Jetzt weiß ich endlich, was mit ihr los ist. Und ich fühle mich nicht mehr so hilflos."
RiVer ist ein Angebot für Kinder und Jugendliche mit psychisch belasteten und/oder suchtkranken Eltern. Hier können sie sich informieren, austauschen, auch mal abschalten und Kompetenzen im Umgang mit ihrer Situation erwerben. RiVer ist ein Kooperationsprojekt des Caritasverbands für die Stadt Recklinghausen und dem Sozialdienst katholischer Frauen Recklinghausen.
Heute wird gegrillt
So trifft sich alle zwei Wochen die Gruppe der zehn- bis 18-Jährigen mit ihren beiden Betreuerinnen, den Sozialarbeiterinnen Inga Spork (Caritas) und Pauline Spitz (SkF). Jedes Mal stehen andere Aktivitäten auf dem Programm, die alle einen erlebnispädagogischen Hintergrund haben. Heute wird gemeinsam gegrillt.
Während die Teilnehmerinnen (an diesem Tag sind nur Mädchen anwesend) Gurken schneiden, Champignons füllen und die Würstchen auf dem Grill wenden, kommen sie ins Reden: Erzählen von ihrem Alltag in Familie und Schule, von ihren Gedanken und Ideen. Und auch ihren Problemen und Sorgen, die sie beschäftigen und zum Teil erheblich belasten.
Von der Seele reden
Seit fast fünf Jahren ist die mittlerweile 18-Jährige Teilnehmerin der Gruppe. "Hier kann ich mir Dinge von der Seele reden. Mich in einer vertraulichen Runde austauschen, Gleichgesinnte finden", erzählt sie.
Was auffällt: Die Mädchen wollen sich nicht nur beklagen und Verständnis finden oder eine kleine Auszeit genießen. Sie suchen aktiv nach Werkzeugen, um ihre schwierige Situation besser in den Griff zu bekommen. Trotz ihres jugendlichen Alters. Ihre Motivation: "Ich möchte meiner Mutter helfen" oder "ich möchte das alles besser hinkriegen."
Unbeschwerte Kindheit?
"Die Mädchen fühlen sich bereits in jungen Jahren verantwortlich und wollen das Familiensystem aufrechterhalten", erklärt Inga Spork. "Das ist ein großes Problem, denn sie sollen ja eine unbeschwerte Kindheit erleben dürfen. Eines der Ziele von RiVer ist daher zu lernen, eigene Bedürfnisse zu formulieren und eigene Interessen zu vertreten."
Forderungen stellen, Grenzen setzen, für sich selbst einzustehen. Das müssten vor allem diese Kinder und Jugendlichen lernen. Denn "betroffene Kinder werden häufig Opfer von Mobbing und Ausgrenzung", weiß Inga Spork. "Und das hört auch im Erwachsenenalter nicht auf. Wer in jungen Jahren gelernt hat, sich aufzuopfern, immer um Liebe und Aufmerksamkeit kämpfen musste und wenig Selbstwertgefühl entwickelt hat, wird schnell Opfer von Manipulation und wird auch gern ausgenutzt."
Ja nicht auffallen!
Hinzu komme, dass gerade Kinder und Jugendliche mit psychisch kranken oder suchtkranken Eltern sehr anpassungsfähig seien. "Das gehört zu ihrer Überlebensstrategie. Sie lernen, ihre Probleme zu überspielen. Nicht aufzufallen."
Aber nicht nur der bessere Umgang mit einer schwierigen familiären Situation ist das Ziel von RiVer. Der Ansatz ist ganzheitlicher: "Wir wollen wertvolle Gruppen-Erlebnisse, neue Erfahrungen und Sichtweisen ermöglichen. Alles Dinge, die ansonsten zu kurz kommen. Teilweise auch aus finanziellen Gründen."
Zu RiVer:
In drei kostenlosen Gruppen werden die Teilnehmer von RiVer betreut.
Kindergartenkinder (fünf bis sieben Jahre) treffen sich einmal wöchentlich, dienstags von 9 bis 12 Uhr im Familienzentrum St. Christophorus. Die Kinder können von Zuhause oder ihrer Kita abgeholt und zurückgebracht werden. Anmeldungen sind jederzeit möglich.
Die sechs- bis zehnjährigen Grundschulkinder treffen sich ebenfalls einmal wöchentlich.
Kinder und Jugendliche ab zehn Jahren treffen sich alle zwei Wochen.
Mehr Infos und Anmeldung bei:
Inga Spork, Tel.: 0176 720 762 82
Pauline Spitz, Tel.: 0151 42480682